Bandscheibenvorfall
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13.10.2004. Landshut Aktuell
Ellbogentypen unter sich
Ingrid Lausunds vielgespieltes Stück “Bandscheibenvorfall” jetzt auch im Kleinen Theater Landshut
...Fünf Typen, fünf Karrieristen gieren nach Erfolg und lassen alles mit sich machen.
...Regisseur Oleg Myrzak entwickelt stimmige Szenen, den schmissigen Beginn a la Talkshow beispielsweise oder den verbalen Schlagabtausch zwischen Hufschmidt und Schmitt, ein wahres Mobbingfeuerwerk, Menschen als keifend-beißende Hunde am Boden kriechend, eine bitterböse Groteske…
Michaela Schabel
13.10.2004. Wochenblatt LA Xtra
Schlachtfeld Arbeitsplatz
“Bandscheibenvorfall”: Grandiose Groteske auf das Arbeitsleben im Kleinen Theater
Im Kleinen Theater feierte diese Groteske auf die Arbeitswelt am Freitag eine Premiere. Und was für eine!…
…Natürlich sind die dargestellten Figuren Typen, wie sie einem im Arbeitsleben täglich begegnen, wie man auch selbst womöglich einer ist, sich am roten Ordner der Existenzberechtigung klammernd. Überzeichnet zwar, aber so wirklich, dass einem das Lachen gelegentlich im Hals stecken bleibt.
Gesprochenes und Gedanken verschmelzen im Dialog, drastisch wird der Blitzableiter Typ netter Kerl geprügelt, entzünden sich schwelende Konflikte an Kleinigkeiten wie einem Kugelschreiber…
… Platz für wahre Gefühle gewährt der Regisseur Oleg Myrzak seinen Figuren nur in einem abgeschotteten Kämmerchen. Lediglich per Videoleinwand und so zusätzlich entrückt erreicht dieser Hauch von Menschlichkeit das Publikum. In ihrem Kämmerchen können die Karrieremenschen ihre Rüstungen ausziehen, wüten, toben, weinen, sich verbrüdern, küssen, tanzen.
...Man könnte glatt weinen, wenn der Zerrspiegel der Arbeitswelt nicht so zum Lachen wäre.
Stefan Becker
14.10.2004. Landshuter Zeitung
Die Artistik des aufrechten Ganges
Oleg Myrzak inszenierte Ingrid Lausunds “Bandscheibenvorfall” am Kleinen Theater Landshut
Lieber gar keinen Arbeitsplatz als so einen - Ingrid Lausunds Theaterstück “Bandscheibenvorfall” ist ein Seelentröster für alle, denen Hartz IV droht…
… Der aufrechte Gang gerät unter diesen Bedingungen zur Akrobatik - wie auch die raumgreifende Bühnenlandschaft von Harald Hajek zeigt, auf der sich die fünf Darsteller in Oleg Myrzaks Landshuter Inszenierung bewegen…
… Die Tritte gibt man von oben nach unten weiter… der Kampf um die Arbeitsplätze tobt, und Oleg Myrzak inszeniert die erbarmungswürdige Schlacht als streng choreographierte Groteske…
… Nur einmal blitzt für kurze Zeit Hoffnung auf: aus intriganten Arbeitssklaven scheinen wieder Menschen zu werden, die sich einander lächelnd zuwenden, sich küssen und in die Arme nehmen. Der Regisseur läßt diese Utopie als Videofilm ablaufen, macht aus dem letzten Aufbäumen gegen den Untergang eine Art Kintopp, ein schönes Märchen, an das niemand glaubt…
… Wenn die Realität nicht so sehr durchscheinen würde, könnte man sich ausschütten vor Lachen.
Hannelore Meier-Steuhl
15.10.2004. Bayerische Staatszeitung
Bandscheibenvorfall
Premiere im Kleinen Theater Landshut
… Ein besonders spektakulärer und radikaler Fall solcher Textflächendramatik hat es gerade zum Nobelpreis gebracht… Im Kleinen Theater Landshut bedecken die fünf Akteure die dramaturgischen Blößen der Vorlage mit so viel Spielwitz, Mimenpräsenz und psychologischer Tiefenschärfe…
Neben den trefflichen Darstellern Anton Figl (der Weglacher), Marcus Morlinghaus (der Siegenmüsser), Franziska Ball (die Zicke), Ursula Berlinghof (die Psychotante) und Rudi Knauss (die Hundeseele) ist das auch der pfiffigen Inszenierung Oleg Myrzaks zu danke. Animierter Beifall.
Hans Krieger
18.09.2006. Echo Online
Realität am Schlachtfeld Arbeitsplatz
…Als Bürosatire war das Stück angekündigt, als eine Geschichte vom Mobbing und vom Nicht-Miteinander-Können am Arbeitsplatz. Was harmlos klang, entpuppte sich als Groteske…
…Regisseur Oleg Myrzak, der die Inszenierung ursprünglich für das Kleine Theater Landshut schuf, bevor die Produktion mit dem “a.gon Theater” aus München durch Deutschland auf Tour ging, hat mit viel Raffinesse den Haltungsschaden der fünf Akteure, eben die Folge eines Bandscheibenvorfalls, sichtbar gemacht. Lediglich auf dem schrägen Plateau liefern sich die Kollegen heftige Auseinandersetzungen, deren Verachtung füreinander mithilfe der Fäkaliensprache nicht besser hätte ausgedrückt werden können. Da erscheint der nackte Hintern von Kretzky, kess ins Publikum gestellt, als i-Tüpfelchen der Groteske kurz vor der Pause…
…Eine schaurig-komische Groteske, die die Realität am Schlachtfeld Arbeitsplatz mit Brachialgewalt widerspiegelt.
Monika Wick
Landshuter Zeitung
Ich gucke auf die Welt durch die Brille des Theaters
Interview mit dem Regisseur Oleg Myrzak
Oleg Myrzak, Sie inszenieren gerade “Bandscheibenvorfall” am Keinen Theater Kammerspiele Landshut. Was interessiert Sie an dem Stück?
Ganz konkret interessiert mich das Verhalten der Charaktere in der im Stück vorgegebenen Extremsituation und die Frage: Wie verhalten sich Manager zueinander und dem Chef gegenüber? Abstrakter gesprochen interessiert mich das Thema “Arbeitswelten”. Ich hab neulich aufgeschnappt, wie eine Frau zu jemandem sagte: Der Job ist mein Leben. Philosophisch ausgerückt könnte man sagen, es geht nicht mehr darum, sich über das Denken zu definieren, sondern man definiert sich über die Arbeit: Ich arbeite, also bin ich.
Sie kommen aus Moldawien und haben dort auch ihre Schauspielausbildung absolviert. Haben Sie manchmal den Eindruck, dass Ihre “Theatersprache” eine andere ist?
Theater ist ja erst mal eine internationale Sprache, die unabhängig von der eigenen Muttersprache funktioniert. Aber was natürlich stimmt, ist, dass ich auf einer russischen Schauspielschule war und im Anschluss daran in Berlin an der “Ernst Busch” Schule Regie studiert habe… ich würde sagen, da findet gerade ein Verschmelzungsprozess statt.
Um das Thema “Arbeitswelten” nochmals aufzugreifen: Glauben Sie dass Sie eine “moldawische Sicht” auf deutsche Verhältnisse haben?
Ich bin inzwischen ja schon seit zehn Jahren in Deutschland und nur selten in Moldawien, ich würde lügen, wenn ich von einer “moldawischen Sicht” spräche. Aber es ist die Sicht eines Beobachters, der nicht völlig in die deutsch Gesellschaft integriert ist.
Sie haben Regie an der “Ernst Busch” Schule studiert, unter anderem bei Manfred Karge, einer Größe des deutschsprachigen Theaters. Gibt es “Vorbilder”, die Ihnen für Ihre Arbeit wichtig sind?
Manfred Karge hat mich sicherlich sehr geprägt, in seiner ganze Herangehensweise an Theater, in seinem Denken.
Sie gehen, das fällt auf, beim Erarbeiten der Inszenierung stark von der Bühne aus.
Dass die Bühne die Spielweise bestimmt, ist eine Binsenweisheit - aber als Ausgangspunkt für mich ganz zentral.
Ich möchte Ihnen abschließend noch die “Gretchenfrage” stellen: Warum machen Sie Theater?
Ich habe vorhin diese Frau erwähnt, die sagte :”Der Job ist mein Leben”. Und jetzt muss ich das Gleiche sagen: Theater ist mein Leben. Warum? Jeder guckt durch seine Brille auf die Welt. Ich gucke auf die Welt durch die Brille des Theaters.
Maja Das Gupta